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Warum wir viel mehr brauchen als „nur“ Feminismus.

Rund um den Weltfrauentag blinkt und klimpert uns wie alle Jahre wieder vielfältig entgegen, was in schlauen Marketing-Köpfen entstand, um der Welt zu zeigen: Wir sind eh superdiversfrauenfreundlich, kauft/arbeitet/investiert bei uns! Ein Hashtag und ein Wortspiel als Motto-Button dazu und schon haben wir ein gutes Gefühl. Also, wir im Sinne von Unternehmen und Bewerbungsbeauftragten.

Wenn man dann die Webseiten der Absendenden durchschnüffelt, fällt man meist ins Bodenlose.

Deren aktuell laufende Weltfrauenkampagne ist dort häufig nicht mal so wichtig, als dass sie auf der Landingpage landen würde. Dass für das Anliegen sonst noch was anliegen würde als Plakat/Posting/Film, erkennt man selten. Tut es vermutlich auch nicht, denn „Was groß im Schaufenster liegt, liegt nicht im Geschäft“, weiß der Volksmund zu berichten.

ZU FAUL ZUM WEITERLESEN? DANN HÖR MIR ZU:

Im Blogcast lese ich Dir diesen aktuellen Blogartikel vor. Mit Betonung, versteht sich!

In meiner Old-School-Programmierung würde man ein Anliegen daran erkennen, dass die, die für etwas sind, auch etwas dafür machen, was übers Gurgeln von Reklameersatzprodukten hinausgeht, ganz wie uns Onkel Erich Kästner einst mitgab: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Nachdem die Wirtschaft längst der mächtigste Narrativ-Erzeuger unserer Gesellschaft ist, die wir allen Erfahrungen zum Trotz nach wie vor Zivilisation nennen, gäbe es hier ein fruchtbares Betätigungsfeld für  erlebbare Werte und somit für ernsthaftes, vertrauensvolles Contentmarketing mit einer von Werten getragenen leitenden Story, die von innen nach außen wirkt, auch ohne auf einer Plakatwand zu picken.

Sichtbarkeit, ja bitte!

Ja, die Sichtbarkeit, die ist schon auch wichtig. Sehr sogar! Gerade in unseren verstörenden Zeiten, in denen einiges von bereits Erreichtem in Sachen Diversity, Gleichberechtigung und so in der Rückabwicklungstonne landet, der Weltfrauentag vermutlich nicht fern ist, an dem die erste Tradwives-Kampagne auf die Bühne tritt und all die Rechts- &-Ordnungs-Hüter ein antifeministisches Glücksziehen in der morschen Lendengegend verspüren.

Sichtbarkeit für Frauen und die sogenannten Frauenthemen ist ultrawichtig, Festivals wie Let’s get visible können nicht hoch genug gelobt werden und sollten vor allem bei Männern dick im Kalender stehen (20. November 2026, Linz).

Jede Initiative braucht Unterstützung, auch wenn man meinen sollte, 115 Jahre nach dem ersten Weltfrauentag und 78 Jahre nach der Veröffentlichung der Deklaration der Menschenrechte wär’s dann mal erledigt: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Also, bei „alle“ sollte selbst für die Dümmsten verständlich sein, wer gemeint ist.

Die Vergangenheit ist reich (oder vielmehr arm) an vorsorglich versteckten Frauen und ihren Leistungen, gerade auch in der Wissenschaft als Matilda-Effekt bekannt. Damit wird das strukturelle Ignorieren oder die Zuschreibung von wissenschaftlichen Leistungen von Frauen an ihre männlichen Kollegen bezeichnet. Das Phänomen, benannt nach der Aktivistin Matilda Joslyn Gage, beschreibt, wie Frauen trotz bedeutender Beiträge oft unsichtbar gemacht werden. Je mehr eine Frau arbeitet, desto mehr profitiert ein Mann in ihrem Umfeld davon.

Wie etwa Otto Hahn, der gemeinsam mit Lise Meitner 1938 die Kernspaltung von Uran entdeckte. Wobei Hahn die experimentellen Beweise lieferte und Meitner im Exil die physikalisch-theoretische Erklärung formulierte. Lise Meitner war ihrerzeit eine der angesehensten Wissenschaftlerinnen weltweit und insgesamt 49-mal für den Nobelpreis nominiert. Die Eifersucht des Laborleiters – ausgerechnet im Nobelinstitut, in dem Meitner im Exil arbeitete – bewirkte, dass nur Otto Hahn 1944 den Nobelpreis für Chemie erhielt. Lise Meitner wurde nicht berücksichtigt.

Solches und dazu eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Thema hat Leonie Schöller in ihrem Buch Beklaute Frauen: Denkerinnen, Forscherinnen, Pionierinnen: Die unsichtbaren Heldinnen der Geschichte aufgeschrieben.

Derlei Umtriebe sind auch immer wieder Gegenstand von Filmen und Büchern. Fiktional wie in Alles eine Frage der Chemie von Bonnie Garmus.

Oder real etwa im Film Joy über die Erfindung der In-vitro-Fertilisation, die maßgeblich von der jungen Krankenschwester und Embryologin Jean Purdy auf den Weg gebracht wurde, ohne dass sie die Anerkennung dafür bekam.

Oder Big Eyes über die wahre Geschichte der Malerin Margaret Keane, deren Ehemann Walter Keane in den 1950er- und 60er-Jahren ihre berühmten Bilder mit den großen Augen als seine eigenen Werke ausgab und vermarktete.

Oder Hidden Figures über die afroamerikanischen Mathematikerinnen Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson. Sie arbeiteten in den 1950er- und 60er-Jahren hinter den Kulissen bei der NASA, die sich mit der Sowjetunion einen Wettlauf um die erste Rakete im All lieferte. In den USA herrschte Rassentrennung und Geschlechtergleichheit existierte nicht, doch diesen drei brillanten Frauen ist es zu verdanken, dass John Glenns Erdumrundung in einem Raumschiff im Jahr 1962 erfolgreich und sicher verlief.

Und interessant ist auch, dass sich in Filmen wie Tootsie, Mrs. Doubtfire oder Manche mögen’s heiß Männer als Frauen verkleiden, damit sie persönlich etwas erreichen können. In Filmen wie Mulan, Yentl oder Boys Don’t Cry hingegen verkleiden sich Frauen aus Notwehr als Männer, weil sie als Frauen von ihrem Verwirklichungsziel als Person abgeschnitten wären.

Diese Stoffe wären großartige Inhalte für in Diskussion stehende neue Lehrpläne jenseits von der Diskussion „iPad oder Latein“, sondern schlicht und einfach ein leichtfüßiger Schritt dorthin, wo das Wort Bildung im Bildungssystem als Hauch seiner Bedeutung um die jungen Nasen wehen könnte, um Bubennasen als starke Brise sogar.

Sichtbar machen, jedes Schlagloch des Weges zur Gleichberechtigung ausbessern, jeden Rückweg aus den Irrwegen ausschildern – das ist unerlässlich und ausnahmslos zu tun. Das alles ist wichtig, aber nicht genug. Überhaupt nicht.

Wir müssen die dahinterliegenden Narrative unserer Kultur aushebeln und dringend korrigieren. Denn die Kultur, also die prägenden Selbstverständlichkeiten unserer Gemeinschaft, basiert nun mal auf den Geschichten, den Werterzählungen, mit denen wir uns selbst und einander erklären, was wir achten, was wir ächten, wie wir sein wollen, sein sollen oder sollten und warum. Glaubenssätze einer Gemeinschaft, die nicht wahr sein müssen. Es müssen nur hinreichend viele daran glauben.

Ist Story Männersache?

Ist es nicht so, dass wir in unseren leitenden Geschichten zutiefst maskulin geprägte Narrative teilen? Und ist es denn ein Wunder, dass hinter nahezu jedem großen Unglück ein starker Mann steht, dem niemand in die Parade fuhr, und so wie die Dinge liegen, hätte das eine Frau sein müssen.

Denn in unserer Kultur verbinden wir durchwegs Positives und Stärke mit Besiegen, Bekämpfen, Beherrschen, Dualismus, Dominieren, Destruktion, Potenz, Kampf, Macht, Ich, Führung, Bemächtigung, Trennung, Materie, mehr ist besser, Unbesiegbarkeit, Mars. Mit dem Ergebnis, dass es uns zwar allen (noch) gut geht, der Einzelne sich aber nicht wohlfühlt. Der Planet Erde steht als Lebensraum vor dem Kollaps. Explodierende Zahlen von psychisch Erkrankten im Lebensleid namens Arbeit verfangen, Einsamkeitsepidemien, zerbröckelnde Demokratien, brodelnde Kriegsgefahren und mit AI erstmals ein Werkzeug, das auf eigene Faust agiert, also gar kein Werkzeug ist, sondern ein Agent, dessen Bedienungsanleitung hoffentlich nicht von Goethes Zauberlehrling verfasst wurde.

Willkommen im Anthropozän, jener Epoche des Erdzeitalters, in der wir Menschen von allen möglichen Einflüssen den größten auf den Zustand des Planeten Erde haben.

Hmm … Irgendwas geht sich hier offenbar nicht mehr aus in Sachen Heldenreise, oder? Vielleicht glimmt das Licht zum Notausgang über dem Wort Held und was wir darunter verstehen. Der Satz „Man kann ein Held sein, ohne die Welt zu zerstören“ passt da. Er stammt aus dem 17. Jahrhundert von Nicolas Boileau. Oder, weil er so gut ist, vermutlich von seiner Mutter.

Helden sehen anders aus.

Es ist wahrlich nicht zu früh, ein paar Dinge wieder auf Kurs zu bringen. Wie? Selbstverständlich nicht, indem wir die alten Geschichten bekämpfen, sondern indem wir neue Optionen ins Spiel bringen, neue Narrative, die die alten verändern, korrigieren und ersetzen. Was immer sich ändert: Zuvor ändert sich nämlich die Geschichte, die darüber erzählt wird. Verändere die Story, verändere die Welt. Noch nie hat etwas anderes funktioniert – im Guten wie im Schlechten allerdings.

Was wäre, wenn wir unsere kollektive Heldenreise in eine Heldinnenreise verwandeln? Damit ist nicht gemeint, dass Frauen als die Hauptfiguren in unseren Geschichten auftreten und dort denselben (excuse my French) Scheiß weitermachen, wie es Männer seit jeher tun. Auch von Superheldinnen aus dem Marvel-Universum ist nicht die Rede.

Es geht um veränderte Werterzählungen, es geht um das, was wir brauchen, damit eine positive Zukunftserzählung genährt wird. Es geht um unser Menschenbild und somit um Begriffe wie Inklusion, Auctoritas, Einschließen, Teilen und Teilhaben, Begegnen, Heilen, Beflügeln, holistisch, Betreuen, Ergänzung, Potenzial, Entwicklung, Ermöglichung, Wir, Entfaltung, Ermächtigung, Verbundenheit, Sinn, verletzlich, Gaia. Werte, die wir mit der weiblichen Seite und reflexartig unbewusst mit Schwäche verbinden.

Was wäre, wenn wir sie ab sofort als Stärke, als unser größtes Potenzial ansehen, weil sie uns von allen Lebewesen inklusive AI einzigartig unterscheidet? Das könnten wir doch so oder so einmal ausprobieren, nur so zum Spaß. Wie wär’s? Alle Knaben dürfen und sollen kräftig mitmachen, denn hier stimmt: mehr ist besser.

Das wären Geschichten, die uns stark machen – als Menschen, Unternehmen und Gesellschaft. Sie erzählen von wahrhaftiger Verbundenheit von allem in allem in Vielfalt, von Diversity also, von grenzenloser Kooperation, auch und sogar in antagonistischer Kooperation, von Sinnerfahrung im Wachsen durch den eigenen Beitrag zum großen Ganzen, vom Ich das am Du erst zum Ich wird.

Wie von allen guten Geistern herbeigewünscht entstehen dann neue Sub-Erzählungen und Glaubenssätze wie:

  • Mentor:innen sind die neuen Held:innen.
  • Füreinander ist das neue Gegeneinander.
  • Geist ist die neue Vernunft.
  • Sein ist das neue Haben.
  • Weltgestaltung ist das neue Arbeiten.
  • Purpose ist der neue Profit.
  • Gelingen ist das neue Gewinnen.
  • Tiefe ist das neue Mehr.

Unsere Heldinnenreise führt uns in die fünf großen Sehnsuchtsfelder des Menschen: Verbundenheit, Entfaltung, Sicherheit, Sinn und die daraus erwachsende Relevanz. Und es ist kein Wunder, dass die Zukunftsforschung (was immer das ist) eben jene Felder für die wichtigsten der Zukunft voraussagt. Bereiche, in denen Unternehmen und Marken tatsächlich reüssieren können, weil genau dort im Zuge unseres aktuell herrschenden und alles durchwuchernden Narratives des kulturellen Kapitalismus, in dem auf alles und jeden der hektisch prüfende Blick nach Vernutzbarkeit fällt, ein Vakuum epischen Ausmaßes entstanden ist.

Wenn Unternehmen dort Mehrwert schaffen, begründen sie resiliente Beziehungen zu Mitarbeiter:innen und Kund:innen, weil sie Bedeutung haben und geben. Auch Marken dürfen sich auf Heldinnenreise begeben. Auch Marken können Sinn stiften. Bitte weitersagen!

Die Wirtschaft ist längst die mächtigste Narrativ-Maschine unserer Zeit. An ihr wäre ein Hebel für Verantwortung in Griffweite drangeschraubt, den man ziehen könnte, jede:r Einzelne von uns, dort, wo wir stehen, mit dem, was wir haben, hier und jetzt.

Oder, wie Margaret Mead wusste: „Never doubt that a small group of thoughtful, committed citizens can change the world; indeed, it’s the only thing that ever has.“ Das könnten zum Beispiel die superdiversfrauenfreundlichen Brands sein – und alle anderen auch.

Wenn du das machen willst für dich selbst, dein Team, dein Unternehmen und dabei beratende Begleitung brauchst: du weißt ja, wo du mich findest. Buch dir gleich rechts oben über den Button dein kostenloses Erstgespräch.

So oder so freu ich mich, wenn auch du für dich entdeckst: „New Story. New Glory.“

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