Atemberaubend, was an allen Ecken und Enden unserer Gesellschaft in dichter Folge aufbricht. Mitunter sogar Eiterherde, die sowieso längst schon offen daliegen. Aber bisweilen scheint es nötig zu sein, dass einem sogar das Offensichtliche um die Ohren geschnalzt wird, bis man hinschaut. Zumal im schier grenzenlosen Dschungel von Misogynie, sexueller Gewalt, Missbrauch, Ungleichbehandlung von Frauen etc.
Das Dickicht ist schier undurchdringlich, man sieht die Bäume nicht mehr. Bis man wirklich hinschaut, genauer hinschaut halt, spätestens durch die aktuellen Horror-Fälle wie Epstein, Pelicot und Ulmen aufgefordert. Und endlich auch tiefer hinschaut vielleicht, wie angesichts des österreichischen Falles Weißmann. Dann erkennt man nicht nur die morschen Bäume, sondern sogar die verfaulten Wurzeln.
ZU FAUL ZUM WEITERLESEN? DANN HÖR MIR ZU:
Im Blogcast lese ich Dir diesen aktuellen Blogartikel vor.
Mit Betonung, versteht sich.
Das ist weder neu, noch handelt es sich um „Einzelfälle”, wenn auch um spektakuläre Ereignisse. Vielmehr scheinen derlei „spektakuläre Einzelfälle” nur möglich zu sein, weil sie aus strukturell verseuchtem Boden wuchern. Reichlich gedüngt mit unübersehbar vorbildhaft wirkenden Ausbringungen von Figuren wie dem orangen Schauerkerl im Weißen Haus fühlt sich mancherlei sogar nach Rückschritt an. Nicht nur ein Gefühl, steht zu befürchten.
Damit sind wir schon mittendrin in der Kernfrage: „Was tun?“
Zweifellos darf nichts unversucht bleiben, nichts unterlassen werden, um in jeder lebenspraktischen Form, beginnend beim beherzten Verändern von Strukturen und dem augenblicklichen Einschreiten, Abhilfe zu schaffen. Akut, hier und jetzt, ausnahmslos. Wut und Scham und Verantwortung dorthin lenken, wo sie hingehören: auf die Täter. Und auf die Wegschauer-Kerle auch – was man leider gendern muss.
Doch liegt die Ursache tief und ist eben auch nur dort zu beheben. Wir haben es hier mit einem kulturellen, tradierten Problem zu tun, das, wie alle kulturellen, tradierten Sachverhalte, im darunterliegenden Narrativ wurzelt. Dort und nur dort kann schließlich wirkungsvolle Abhilfe geschaffen werden.
Die Erzählung, die uns prägt
Wie ich die Sache sehe, schlägt auch in dieser Frage der vielfältig metastasierende Dualismus den Grundton an, der dann im kollektiven existenziellen Vakuum Resonanzraum und Echokammer gleichermaßen findet und sich schließlich in eine irrwitzige Erzählung von „echter Männlichkeit“ ausbreitet. Mit allen verstörenden Folgen, zu denen die oben angeführten Zustände ganz zuvorderst gehören.
Wenn wir nämlich in den kollektiven Erzählungen alles, was männlich konnotiert ist, wie Stärke, Macht, Sieg, Dominanz, Beherrschen, Übertrumpfen, bewusst oder unterbewusst weiterhin als erstrebenswerte Eigenschaften feiern, aber deren Gegenteil als fehlerhafte Schwächen abtun, können wir davon ausgehen, dass sich nichts ändert und wir für immer und ewig die Hände über den Köpfen der Einzelfälle, die keine sind, zusammenschlagen werden. (Dass dies den männlichen Menschen in Summe auch alles andere als guttut, sei mal dahingestellt.)
Vor uns liegt die schwierige und nur langwierig erledigbare Aufgabe eines kulturellen Wandels. Schwierig, langwierig, dennoch in anderen Bereichen bereits gelungen. Zum Beispiel gehört körperliche Züchtigung als gut gemeinte Erziehungsmethode längst nicht mehr ins akzeptierte pädagogische Skillset, mit dem man Kinder zu gottesfürchtigen Menschen abrichtet.
Es geht zweifellos immer um die Wertewelt, mit der man Frauen begegnet, aber gleichzeitig und vielmehr noch um die völlig aus dem Ruder gelaufenen, ranzigen Erzählungen über „echte Männlichkeit“. Es geht darum, was wir denn als wahrhaftige Stärke verstehen und anerkennen, welchen Idealen wir folgen, was wir achten, was wir ächten. Um Orientierung durch Werte eben, um das kulturprägende Narrativ.
Wenn der Dualismus das Grundrauschen dieser Erzählungen bildet, „Gut gegen Böse“ unser Denken bestimmt und „wir“ naturgemäß stets die Guten sind, wenn wir nicht verstehen, dass einander beflügeln und befähigen und begeistern und ermächtigen und ermutigen und entfalten die wahren, die nährenden Signale von Stärke sind, anstatt Besiegen, Beschämen, Bekämpfen, Erledigen und Erniedrigen zu bewundern, solange das bleibt, wird Dominanz und Destruktion weiterhin unser Handeln in der aufziehenden beklemmenden Düsternis bestimmen. Nicht nur im misogynen Sumpfgebiet.
Vom kleinen Rempler zum Weltbrand
Dieses Handeln beginnt ungefähr beim stinkigen Gassenhauer „Buben sind halt so“ und beim Wegrempeln anderer in der U-Bahn. Es führt über das reflexartige Scheißegalsein, was Natur und Umwelt betrifft, sobald es ein bissel Verzicht bedeutet, geht weiter mit Mobbing, mit Ausgrenzung, mit dem Missbrauch von Kindern und von zum Schutz anvertrauten Personen. Zum Handeln oder Nichthandeln oder Wegschauen in Flüchtlingsdramen ist es nicht mehr weit. Und alles endet im Bombenhagel im Nahen Osten oder der Ukraine und den Genoziden im Sudan oder in Myanmar. Mittendrin alles, was an Frauenfeindlichkeit in allen Unformen und Fehlfarben zu haben ist.
Wie du etwas tust, so tust du alles, heißt es. Dieses Etwas hier geht in den bestimmenden Narrativen unserer Kultur immer gegen das Andere, gegen die Anderen, die wir bewerten und in aller Regel abwerten.
Wie die Dinge liegen, sind wir über das Recht des Stärkeren nicht allzu weit hinausgekommen. Es sieht in den vielfältigen Darreichungsformen unserer Zeit nur konsumabler aus, schleicht sich trickreich verkleidet auf Samtpfoten ein.
Ein Bildungssystem, das ein solches wäre, anstatt mit dem Umbau von Kindern in Credit Card Holder, Human Resources und Endverbraucher beschäftigt zu sein, träte hier volle Pulle in die Pflicht seiner Verantwortung. Denn wo sonst sollen Mädchen wie Buben lernen, dass ein „echter Mann“ nicht derjenige ist, der den Anderen (vornehmlich den schwächeren Anderen) mit seiner Keule den Rüssel poliert, sondern ein Gentleman, ein gentle man? In den Familien alleine wird die Vermittlung nicht reichen. Schon deshalb nicht, weil die Kinder dort immer weniger Zeit verbringen und es allzu oft an nachahmenswerten Vorbildern mangelt, an Betroffenen und Opfern hingegen nicht, wenn man den Statistiken glauben darf. Ich fürchte, man muss … Erleben wir hier so etwas wie eine Erbsünde, eine kollektive transgenerationale Traumaerfahrung?
Wo ist der Aufstand der Lehrenden? Wo die gestaltende Hand der Politikvollführenden? Schwänzen die alle ihren Beruf, oder habe ich etwas übersehen?
Hier ist die Zivilgesellschaft aufgerufen. Unüberhörbar. Alarmton.
Die Macht der neuen Geschichten
Die vielen Organisationen etwa, die ihre Bedeutung für die Gemeinschaft stets betonen, oft auch zu Recht, bekämen, wenn ernst gemeint, eine neue Aufgabe serviert, an der sich alle Beteiligten, ob Funktionär:in oder Mitglied, als Relevanz- und Sinnquelle druckbetanken können. Sportvereine inkl. ihrer Fanclubs, Rotes Kreuz, Musikkapellen, die Freiwillige Feuerwehr …
Ach ja, die Wirtschaft gibt’s ja auch noch! Jene Organisationen, in denen unzählige Menschen einen Großteil ihres Tages verbringen. Ich klammere hier mal bewusst alles, was an Diversity zu fördern, an gläsernen Decken zu zersplittern und an Pay Gap zu schließen ist, aus. Das ist sowieso überfällig.
Es geht mir vielmehr um die kulturgestaltende, hoch wirksame Kraft der Wirtschaft als mächtigste Narrativ-Maschine unserer Zeit.
Denn erstens finden sich die oben angesprochenen männlich-positiv verstandenen Attribute im Wirtschaftssprech in jedem Gedanken auf der Jagd nach Marktanteilen, Wachstum und Profit und sollten schleunigst aus dem Vokabelheft verschwinden.
Zweitens aber: Wäre es dort nicht ein phantastisches Aufgabenfeld, alle klugen Köpfe zusammenzustecken und sich pfiffige Kampagnen auszudenken, damit das öffentliche Gespräch im Wege der Werbemilliarden mit Sinnvollerem bestückt wird, als mit den Hinweisen an die Menschheit, sie wäre unkomplett, wenn sie dieses oder jenes Zeugs nicht kauft. „Purpose“ pfeifen die Spatzen ohnedies ringsum von den Dächern der Firmenzentralen. Hört euch doch mal selbst zu.
Verleihe Flügel!
#Glaubandich!
Gemeinsam besser leben.
I’m lovin’ it.
Mach es zu deinem Projekt!
Ja: Mach es zu deinem Projekt und lass es bloß nicht bei Postern, Postings und Plakaten bewenden. Die braucht’s auch, aber sorge für Bewegung. Von innen nach außen. Das kannst du doch, liebe Marketing-Kommunikations-Community, besser als alle anderen.
Sprich nicht nur über „unsere Werte“ und erzähle dann von „der Mensch im Mittelpunkt“ und „Nachhaltigkeit“. Da hört dir sowieso niemand mehr zu. Sondern zeig, was du kannst. Zeig, wer du bist. Zeig, wer wir sein könnten, mach vor, was zu tun ist. Und höre nicht auf, wenn das Nötige nicht 1:1 positiv auf deinen Shareholder Value durchschlägt. Es bleibt nämlich auch dann noch nötig.
Was wäre, wenn wir mit der Schubkraft der Wirtschaft unsere Werterzählungen verändern, Schubumkehr anwerfen, Stärke neu interpretieren und damit unser Menschenbild anreichern mit Begriffen wie Inklusion, Auctoritas, Einschließen, Teilen und Teilhaben, Begegnen, Heilen, Beflügeln, holistisch, Betreuen, Ergänzung, Potenzial, Entwicklung, Ermöglichung, Wir, Entfaltung, Ermächtigung, Respekt, Rücksicht, Verbundenheit, Sinn, Verletzlichkeit, Achtsamkeit?
Was wäre, wenn wir Werte wie diese ab sofort als Stärke definieren, als unser größtes Potenzial ansehen, weil sie uns von allen Lebewesen inklusive KI einzigartig unterscheiden? Denn Werte, die wir mit der weiblichen Seite und reflexartig unbewusst mit Schwäche verbinden, sind tatsächlich zutiefst ganz speziell menschliche Stärken, weil sie, wenn gelebt, uns alle stärken. Sie sind unsere einzige Chance.
Nicht nur am Weltfrauentag, nicht nur am Equal Pay Day. Nicht nur, wenn wir rechtzeitig Pink Ribbons auf unsere Anzeigen picken und Charity-Events unterstützen. Das schon auch, nicht aufhören damit bitte. Aber vor allem den besch***enen Erzählungen, was ein „echter Mann“ denn wäre, den Boden unter den Füßen wegziehen. Nicht wegplauschen.
Bevor sich etwas verändert, verändert sich immer das tragende Narrativ darüber, woran wir glauben, einerlei, ob es stimmt oder nicht. Noch nie war das anders.
Solange wir also diese Erzählung nicht korrigieren, werden wir uns, begleitet von Herbert Grönemeyer, weiterhin fragen „Wann ist ein Mann ein Mann?“ und die falschen Antworten darauf geben. So viel steht fest.
Wenn wir es aber tun, ziehen wir die Fäden für neue Narrative. Für solche, die uns stark machen, als Menschen, Unternehmen und Gesellschaft. Sie erzählen von wahrhaftiger Verbundenheit von allem in allem in Vielfalt, von Diversity also, von grenzenloser Kooperation, auch und sogar in antagonistischer Kooperation.
Wie von allen guten Geistern herbeigewünscht entstehen dann neue Sub-Erzählungen und Glaubenssätze wie:
Mentor:innen sind die neuen Held:innen.
Füreinander ist das neue Gegeneinander.
Geist ist die neue Vernunft.
Sein ist das neue Haben.
Weltgestaltung ist das neue Arbeiten.
Purpose ist der neue Profit.
Gelingen ist das neue Gewinnen.
Tiefe ist das neue Mehr.
Wenn Unternehmen dort Mehrwert schaffen, begründen sie resiliente Beziehungen zu Mitarbeiter:innen und Kund:innen, weil sie Bedeutung haben und geben.
Das wäre der Fall. Das wäre der Glücksfall. Unerträgliche „Einzelfälle“ werden sich nie vermeiden lassen, seien wir nicht naiv. Aber sie würden solche bleiben und nicht klägliche Versuche, sich ein Systemversagen schön zu saufen.
Wie immer gilt: „New Story. New Glory.“ Bitte weitersagen!


