Das Teuflische am Phänomen Mode in all seinen Ausformungen ist, dass jeder damit seine individuelle Persönlichkeit ausstellen will, doch am Ende sehen alle gleich aus. Oder hören sich gleich an. Dennoch meint jeder, er wäre der erste, der’s entdeckt hat, ist jede davon überzeugt, sie wäre die Einzige, die … Das gilt bei Klamotten, Haarschnitten und bei Trends in sämtlichen Darreichungsformen, und auch das öffentliche Gespräch läuft auf Auto-Tune.
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Im Blogcast lese ich Dir diesen aktuellen Blogartikel vor.
Mit Betonung, versteht sich.
Alle singen richtig, aber falsch.
Auto-Tune – das ist jene Software für Tonstudios, mit der es vor vielen Jahren erstmals gelang, in Echtzeit Tonhöhen zu beeinflussen, ohne die Bandgeschwindigkeit zu verändern. Plötzlich konnten alle richtig singen, auch live. Jedenfalls entstand der täuschende Eindruck, als ob.
Cher erhob dieses Zauberzeug 1998 bei „If You Believe“ zum Stilmittel und löste damit eine aberwitzige Auto-Tune-Seuche aus – man hätte das zuständige Tonstudio in Wuhan-Studios umbenennen sollen. Dank des so benannten Cher-Effekts klangen alle gleich, das leichte Quietschen in der Stimme, nicht wirklich hörbar aber wahrnehmbar, wurde zum offiziellen „So klingt man heute“-Geräusch in Hitparaden und Formatradio-Playlists. Wenn sich jemand auf seine eigene Stimme verließ, mutete das fast fremd an.
Wie jedem Trend folgte dem synthetisch polierten Glasplatten-Sound der Gegentrend, in diesem Fall der erlösende. Die Singer-Songwriter traten in ihre Rechte. Als vorläufiger Höhepunkt Ed Sheeran, der allein mit seinen Songs, seiner Gitarre und seiner eigenen Stimme, unterstützt von Sound-Loops, die er sich live selbst bastelt, vollbesetzte Stadien vom ersten Ton an in Begeisterungs-Vulkane verwandelt. Gute Idee eigentlich: selbst viel können und mit Technik, die man selbst beherrscht, unterstützen. Augmented Personality könnte man dazu sagen und auf größte Ansteckungskraft in vielen anderen Betätigungsfeldern hoffen. So wie’s aussieht, wird’s damit noch ein wenig dauern. Ich fürchte mich ehrlich gesagt schon vor dem erwartbaren Gegentrend und lagere reichlich Gehörschutzstopsel ein.
Der Worthülsen-Imperativ.
Aktuell seucht sich der öffentliche Sound nämlich auf den kategorischen Auto-Tune-Imperativ ein. So tun als ob, posen ohne Ende und die liebgewordene Kulturtechnik namens Sprechen durch ein Herumfloskeln im Worthülsenarsenal ersetzen. Ohne geht’s nicht mehr. Und alle sind davon überzeugt, sie wären die einzigen oder originell sogar, ganz so wie es Kurt Tucholsky formulierte: „Auf nichts ist der Mensch so stolz als auf das, was er seit zwei Minuten weiß.“ Und lässt vor diesem Wissen niemanden ungeschoren davonkommen.
Wird noch getanzt oder werden nur noch Moves imitiert?
Gehen Fotos noch, ohne dass man posed und sich das vorschriftsmäßige Begleit-Gesicht dazu aufsetzt?
Verliert man seine Street Credibility vollends, wenn man nicht jeden Satz mit „Genau“ beginnt, damit beendet und eines noch als Zwischenquatsch reinquietscht?
Darf man noch sowas sagen wie „melde dich bitte“, oder gilt nur noch selbstüberschätzend „schreib mir gerne“?
Fortsetzung folgt, leider.
Ja, Modewörter, Szenensprache und Soziolekte – also Sprachgebrauch, der für spezielle Gruppen typisch ist – gehören schon auch zur lebendigen Vielfalt dazu, und mitunter schwappen derlei Formulierungen ins Allgemeine raus. Dagegen gibt’s nichts zu sagen. Sprache verändert sich wie sich auch Alltagskultur verändert. Aber das muss ja bitteschön nicht zu einer traurigen Selbstdarstellungskakophonie gerinnen, in der nichts anderes ausgestellt wird als die innere Leere, die man zu füllen versucht, indem man außen so tut als wäre was drin, in der Hoffnung, es wäre für einen selbst was drin, das man für sich rausholen kann. Tatsächlich verwandelt sich dadurch die Leere in ein Vakuum, das sich selbst ins kollektive Nichts saugt. Mit der Zeit gehen sieht ähnlich aus wie einem Trend nachrennen, so wie man Essen und Kaugummikauen auf den ersten Blick kaum unterscheiden kann. Wenn’s um den Nährwert geht, wird der Unterschied rasch deutlich. Plötzlich imitiert die Kunst nicht mehr das Leben oder das Leben die Kunst, sondern das Leben imitiert Künstlichkeit und verliert das Echte, also sich selbst.
LinkedIn auf Auto-Tune.
Kaum wo wird das so schnell sichtbar wie auf Social-Media-Plattformen, die ja in vielen Aspekten als Hochleistungsturbinen im Dienste der Brandbeschleunigung wirken. Für mich am schmerzlichsten auf LinkedIn zu erleben. Schmerzlich deshalb, weil KI-Geschreibsel und Worthülsen allerorten wuchern, vom Posting bis zum Kommentar, und auch deshalb, weil LinkedIn für den professionellen Einsatz wirklich gut geeignet ist oder wäre. Ja, dort wird naturgemäß verkauft: Ideen, Dienstleistungen, Personal Brands, Corporate Influencer, Thought Leadership, Employer Branding und so weiter, mit dem Ziel, dass sich diese Aktivitäten bald, heftig und positiv aufs eigene Business auswirken. Weiß ja jeder.
Ich mach das auch mit einer klaren, ernsthaften Content-Marketing-Haltung: ich stelle meiner Community Nützliches zur Verfügung und freue mich, wenn etwas zurückkommt. Es geht dabei nicht um Geben und Nehmen, sondern um Geben und Empfangen, und zwar ohne einen notwendigen kausalen Zusammenhang als Vorbedingung. Eine wichtige Trennlinie im Content-Marketing-Narrativ übrigens und bereits in der Bhagavad Gita nachzulesen: „Dein Recht ist nur zu arbeiten, aber niemals für die Früchte; lass die Frucht der Handlung nicht dein Motiv sein, noch lass deine Bindung in der Untätigkeit sein.“ So und nur so entsteht echter Sinn durch Tun, ganz im Geiste des heiligen Viktor Frankl: „Erfolg wie Glück kann man nicht verfolgen; er muss erfolgen.“
Trotz aller Verkaufsbestrebungen gibt es dort auf LinkedIn auffällig viel Brauchbares zu finden, genauso auffällig wenig des üblichen Social-Media-Ungemachs, aber mittlerweile auffällig viel KI-Geschreibsel, also Schreiben auf Auto-Tune auch. Oft bemerkt man es sofort, häufig gar nicht, spüren jedoch kann man es immer. Das liegt schließlich in der Natur der Sache, weil Large-Language-Modelle nun einmal darauf beruhen, dass sie aufgrund vorhandener Häufigkeit von Wortkombinationen Wahrscheinlichkeiten errechnen, als neues Ergebnis ausspielen und sich dort über die selbst erhöhte Wahrscheinlichkeit hochsprudeln. In Tat und Wahrheit entstehen so Kopien von Abgeschriebenem.
Das ist dem, was man als Mensch produziert, nicht unähnlich, denn wir sammeln, interpretieren und kombinieren uns Bekanntes immer wieder neu, übersetzen bereits Gedachtes in neue, aktuelle Kontexte, kraxeln auf die Schultern von Riesen und sehen dadurch ein wenig weiter als diejenigen, die vor uns da waren und auch weiter als die Riesen selbst, wie uns Isaac Newton in kluger Demut über sein Schaffen berichtete. Aber am Ende ist das, was die KI-Apps erzeugen, in sich künstlich.
Der Cher-Effekt in Coverversion.
Mir scheint, dass die KI-Sprach-Poserei eine Dimension der Eigendynamik erreicht hat, in der Leute, die versuchen, auf der Selbstoptimierungsmaschine zu schreiben, die KI-Stile imitieren, weil sie meinen, das gehört echt so. Der Cher-Effekt in Coverversion. Gleichzeitig zwingt es einen selbst oft, manches nicht mehr zu tun, weil’s die KI verramschte und dann plötzlich die eigene Echtsprache so klingt als wäre man ein Promptergebnisverteiler. Das Echte wird einem mit der Algorithmus-Rute ausgetrieben und die Sprache als Grenzen der eigenen Welt mit der Large-Language-Schlinge enger gezogen.
Meine seit immer geliebten Gedankenstriche zum Beispiel – Endstation. Die wurden durch jene beerdigt, die früher manchmal die falschen kurzen Bindestriche als Gedankenstrich verwendeten und sich nun von ihren KI-Apps mit den in unseren Breiten ebenso falschen langen Strichen Länge mal Breite hinters Licht führen lassen.
Nur zur Klarstellung: ich benutze KI für meine Arbeit intensiv, wie eine nimmermüde Assistenten-Schar: fürs Recherchieren, Strukturieren, Korrigieren, Fokussieren, Organisieren und so weiter. Oft und oft lerne ich sogar daraus selbst eine Menge, die KI promptet also quasi mich. Aber die Sachen ausdenken und aufschreiben, das mache ich selbst, denn: selber denken macht schlau. Wer immer mit Navi fährt, findet den Weg selbst nicht mehr, am aller wenigsten den Heimweg, aber degeneriert sich selbst zum Autopiloten, der sein Ziel nicht kennt.
Gut möglich, dass ich mich und die Bedeutung meiner Arbeit überschätze, aber ich gehe nun mal davon aus, dass Menschen, die meine Sachen ansehen, nicht wissen wollen, wie gut ich prompten kann, sondern daran interessiert sind, was ich zu sagen habe und was sie davon für ihre Arbeit als Impuls, Inspiration und auch als Irritation mitnehmen können.
Ja, sogar wenn ich illustratives Bildmaterial brauche oder einen Soundeffekt, lasse ich KI-Apps ans Werk, verwechsle das aber nicht mit einem originär geschaffenen Werk oder gar mit Kunst.
Kunst, das ist eine menschliche Ausdrucksform, mehr noch ein Suchen und Fragen und Finden und von Antworten gefunden werden. Durchaus auch dekorativ und unterhaltend, aber immer menschlich. Klar fotografieren wir längst und malen nicht mehr, was wir an Bildlichem bewahren wollen. Und dass dank Gutenbergs Erfindungsreichtum die Kopisten als einzige Quelle der Vervielfältigung von Texten versiegten, hat die Welt ganz und gar nicht ärmer gemacht. Doch drin steckt immer der Geist, den der Mensch dem Menschen vermittelt. Häufig nicht allzu viel, wie ein Rundgang durch die Buchhandlung deines Vertrauens oder eine kurze Zapperei am Vorabend verdeutlicht, aber immer ein bissel schon, so oder so. Dennoch üben Helene Fischer und Bob Dylan unterschiedliche Berufe aus.
Eine Blase voller Nichts?
Wenn wir uns also die Qualitäts-Geschichte von KI weiterhin auf der Basis von schneller, effizienter, größer und vor allem von immer mehr erzählen, dann verwandeln wir unsere Welt in eine Blase voller Nichts. Wenn wir das KI-Narrativ allerdings neu anlegen und in tiefer, weiter und wohlwollender verwandeln, könnten wir paradoxerweise mit Künstlichkeit der Menschlichkeit kräftig was unter die Flügel pusten.
KI ist nicht das Ende der Kreativität, sondern kann sogar der Beginn eines neuen schöpferischen Zeitalters sein. Sie nimmt uns die Routinen ab, entfernt Einstiegs- und Umsetzungshürden und macht uns frei bzw. ermöglicht vielen von uns sogar erstmals, dass wir besser nachdenken, uns Dinge vorstellen und das verwirklichen können, was nur Menschen zu erschaffen vermögen. KI kann uns dabei unterstützen, dass wir uns mit unseren Talenten und Fähigkeiten jenen Ideen zur Verfügung stellen, die herumschwirren und von uns in die Welt gebracht werden wollen. Eine dieser Fähigkeiten könnte prompten sein, denn die zur Binse gebündelte Weisheit, niemand wird durch KI ersetzt, sondern durch einen Menschen, der mit KI-Tools umgehen kann, hat nicht nur viel Wahrheit eingebaut, sondern auch ein Lenkrad, das du und ich bedienen können.
Die Zukunft gehört den Schöpfern.
Je mehr alles auf Auto-Tune und Künstlichkeit rückpoliert wird, desto größer wird die Nachfrage nach Ed Sheeran, sozusagen. Nach Originalität, nach dem Echten, dem Rauen, der Patina des gelebten Lebens, nach Schöpfungskraft und Gestaltungswille, nach dem Spontanen, dem Unberechenbaren, dem Nicht-Algorithmierbaren, nach dem Wirkenden, der das Werkzeug führt und Form nicht mit Inhalt verwechselt, auch dann nicht, wenn die Form oft substanzieller Teil von Aussage und Inhalt ist wie etwa in der Popkultur. Die Zukunft gehört den Schöpfern, die sich dafür entscheiden, Sinn zu ermöglichen, nicht dafür, bloß noch mehr Zeug zu produzieren.
Und jetzt kommen die Unternehmen und Marken, die Wirtschaft als produktivste Narrativ-Maschine unserer Zeit, ins Spiel. Was wäre, wenn wir dort alles, was KI bietet, nicht (oder nicht nur) zur Profit-Steigerung einsetzen, sondern zur Befreiung von Menschen aus der geistigen Routinearbeit? Was wäre, wenn wir ihnen damit von der Burnout- und Frustrationsrutsche helfen und sie zur Potenzialentfaltung ermutigen, zu Kreateur:innen von Purpose, Bedeutung und Sinnerleben ermächtigen? Ja, im Business! Nicht in einem philanthropischen Illusionskabinett. Purpose und Profit sind nämlich nicht nur keine Gegensätze, Purpose (auch wenn mittlerweile Kammerton im Buzzword-Geschrei) ist die beste, tragfähigste und im wörtlichen Sinne nachhaltigste Quelle für Profit, der sich übrigens nicht nur im Quartalsgewinn und Shareholder Value materialisiert.
Wenn wir so an die Sache herangehen, würden wir doch das, was Erfolg in den alten, ausgelatschten Erfolgsgeschichten bedeutet, neu definieren, besser wohlgemerkt, würden wir die entwürdigende Vernutzungs-Mechanik der instrumentellen Vernunft einbremsen, der zufolge alles und jeder in irgendeiner Form optimiert und profitabilisiert werden muss. Wir könnten beginnen, Bildung als solche zu verstehen und nicht als schöneres Wort für die Umbaumaßnahmen, mit denen wir junge Menschen an ihrer Entfaltungssehnsucht hindern, weil wir sie nur als Human Resources, Credit-Card-Holder und Endverbraucher sehen, als Endverbrauchte in der Tat, und sonst den Wert des Menschen nicht mehr erkennen.
KI als sechster Sinn der Menschlichkeit?
Wer weiß, vielleicht ist die Künstliche Intelligenz unser Schwert Excalibur als Symbol für den Ruf, den wir annehmen, für eine neue, eine bessere, eine friedlichere Welt, die wirklich möglich ist, oder gar der Pinsel, mit dem wir ein neues Menschenbild malen, das dieser Bezeichnung gerecht wird. Ich jedenfalls probier das mal aus. Bist du dabei?
Dank Künstlicher Intelligenz erzählen wir so gemeinsam eine neue Geschichte des Echten, der Menschlichkeit. Das wäre doch eine Wendung, die eines M. Night Shyamalan würdig ist, oder? Die KI als Sixth Sense. Das perfekte Elixier, mit dem wir von unserer kollektiven Heldenreise in unsere alte Welt heimkehren.
Ist KI also Hype oder Hope? Chance oder Untergang? Das Ende der Menschheit oder der Beginn einer neuen Menschlichkeit? Die Antwort ist eindeutig: Ja! Je nachdem, wie man hinsieht und doch immer beides auch und noch viel mehr. Sie ist wie die Geschichte, die wir uns darüber erzählen, wie das Narrativ, dem wir folgen.
Possibilisten tragen das bessere T-Shirt.
Pessimisten und Optimisten irren bekanntlich gleich oft, allerdings haben die Optimisten viel mehr Spaß dabei, heißt es. Am meisten Sinn im Tun erleben jedenfalls wir Possibilisten. Wir sehen das Paradies, wir wissen um die Schlange und wir erkennen das Potenzial von kraftvollen, wohlwollenden Narrativen, an die es sich zu glauben lohnt, weil sie uns ins Gestaltungsland der Möglichkeiten tragen.
Eben deshalb steht auf unserem T-Shirt: „New Story. New Glory.“


